Bulldog Backstage
Anmerkungen aus dem Jahr 2007 - leider
auch heute noch aktuell
Der Englische Bulldog ist eine Hunderasse,
die schon immer polarisierte. Heute mehr denn je. Auf der einen Seite gibt es
leidenschaftliche Verehre auf der anderen selbst Hundefreunde, die sich
kopfschüttelnd abwenden. Der Vorwürf der Überzüchtung ist
das erste und meist auch einzige Argument der Gegner des Bulldogs. Und leider
haben sie hier auch ein gutes Stück recht - aber auch nur hier.
Die Überzüchtung ist in erster Linie ein Problem, das
Zuchtverbände zu verantworten haben. Der offizielle FCI-Standard für
den Bulldog bietet zwar immer noch keine ideale aber doch eine
einigermaßen hinreichende Grundlage für einen gesunden Englischen
Bulldog - wenn man nur will.
Die großartige Hunde-Fotografin
Eva-Marie Krämer schreibt in der Zeitschrift "Deutsches Hundemagazin" 01/
2005: "Die Übertypisierung, der viel zu große Kopf, die viel zu
kurze Nase... das extreme Gewicht ist vor allen Dingen überhaupt nicht
typisch, sondern wurde erst in den letzten Jahrzehnten maßlos
übertrieben. Dabei steht das so alles gar nicht im Standard, aber die
Richter bevorzugen immer extremere, ja skurrile Erscheinungsformen..."
Bulldogge.de wendet sich entschieden gegen alle Tendenzen zu extremer
Betonung bestimmter Merkmale wie Massigkeit, Falten, Kopfgrösse, krumme
Läufe, Korkenzieherruten und anderen Verkrüppelungen sowie
Missachtung gesundheitlicher Probleme wie extreme Kurzatmigkeit. Leider
erhalten gerade solche extrem gezüchteten Hunde von Richtern auf
offiziellen Ausstellungen viel zu oft beste Prämierungen. Hintergrund sind
wohl die kommerzielle Interessen vieler - nicht aller ! - Züchter. Ein
besonders faltiger, rundlicher Welpe lässt sich wohl besser vermarkten.
Dafür wird die Gesundheit der Tiere geopfert. Glücklicherweise sind
aber nicht alle Züchter so!
Selbst Hans Räber, lange
Jahre Vorsitzender der Standardkommission des Welthundeverbands FCI, meint:
"...Der Standard schreibt feine, dünne Falten vor. Aber leider stehen
an Ausstellungen oft Hunde vorne mit zu ausgeprägten Faltenköpfen und
wulstigen, dicken Runzeln, die sich dann eben leicht entzünden und zu
einem Entropium bei den Augenliedern führen können. Ich bin
überzeugt, dass viele Punkte verbessert werden könnten, ohne dem
Bulldog ein wesentlich anderes Aussehen zu geben. Bei vielen Rassen fehlt es
weniger am Standard an sich als an der Art und Weise, wie er gehandhabt
beziehungsweise ausgelegt wird. Viele Übertreibungen werden einfach
hingenommen, obwohl sie gar nicht sein müssten und nirgends geschrieben
stehen."
("Enzyklopädie der Rassehunde" Stuttgart, Räber 1993
Bd1, S.399ff)
Das sich seit der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts
verschärfende Problem der Übertypisierung, der Extremzuchten und
damit verbundenen gesundheitlichen Probleme rief nun selbst Behörden auf
den Plan. Im von der Bundesregierung beauftragten Qualzucht-Gutachten
(§11b TSchG) wird der English Bulldog gleich mehrfach genannt. Auch der
federführende britische Bulldog-Verband musste erst von der Britischen
Regierung unter Druck gesetzt werden, um extremste Auswüchse durch
Änderungen im Standard zu verhindern. Das tat er dann im März 2004
nur halbherzig. Auch die deutschen Zuchtverbände scheinen nicht gerade
sonderlich engagiert gegen Übertypisierung und (Extrem-)Zucht zu Lasten
der Gesundheit und Vitalität der Hunde vorzugehen.
Nicht minder
problematisch sind die sogenannten Hobby- oder Liebhaber-Zuchten von Leuten
meist ohne langjährige Erfahrung und Expertise.
Natürlich
betont JEDER Züchter (oder vermeintliche Züchter, da zugleich
Hundehändler), er achte ganz besonders auf die Gesundheit seiner Bulldogs.
Aber Anspruch und Wirklichkeit klaffen zumeist weit auseinander wie nicht
zuletzt die zahlreichen Bulldog-Halter bezeugen, die sich ratsuchend mit nicht
selten tragischen Schicksalen an uns wenden.
Wie schon gesagt, der
gültige Standard verlangt die o.a. Auswüchse keineswegs; vielmehr
verstossen Übertypisierungen meist gegen den Standard. So wird sogar die
Existenz der Rasse Englische Bulldogge langfristig aufs Spiel gesetzt.
(Anmerkung 2011: Die FCI beschloss im Oktober 2010 einen neuen Standard, der
nun keinen Spielraum mehr für solche Fehlinterpretation der Show-Zucht
zulässt.)
( Text Christoph Jung)